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Gespräch mit Ursula Sabrowski

Gespräch mit Ursula Sabrowski

Ursula Sabrowski

Mitgliederpartei - das ist ein Begriff, der auf die SPD zutrifft, wie auf kaum eine andere Partei in Deutschland. Wer Mitglied der SPD ist, verbindet ihre Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität nicht selten mit ganz konkreten Erlebnissen aus dem eigenen Leben. Durch die Bildungs- und Gesellschaftsreformen der sozialliberalen Koalition ist es vielen heutzutage 50- oder 60-jährigen ermöglicht worden, damals eine höhere Schule oder das Gymnasium zu besuchen und heute erfolgreich im akademischen Berufsleben zu stehen. Sozialdemokratische Bundeskanzler haben sich für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit eingesetzt und damit immer wieder tausende Menschen fasziniert. Viele dieser Menschen haben den Weg in die SPD gefunden. Dass die SPD Mitgliederpartei ist, wird aber auch immer wieder daran deutlich, dass den Großteil der Parteieinnahmen Mitgliedsbeiträge ausmachen. Die Organisations- und Kampagnenfähigkeit der SPD stützt sich also direkt auf ihre Mitglieder.

Als Ortsverein ist es uns wichtig, unsere Mitglieder im Blick zu haben, nicht nur im Allgemeinen, sondern jeden Einzelnen mit seinen Motiven, Ansichten und Erfahrungen. In vielen Gesprächen trifft man als Ortsvereinsvorstand dabei immer wieder auf beeindruckende Lebensgeschichten, viele - im Alltagsgeschäft und Parteientrubel leider zu wenig wahrgenommene - Ideen und Fähigkeiten.

Ursula Sabrowski (geb. 1945) ist Mitglied des Ortsvereins Aachen-Burtscheid. Geboren kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in der Sowjetischen Besatzungszone, aus der DDR nach Westdeutschland geflüchtet, ausgewandert nach Australien, wiedergekommen, SPD-Mitglied und Buchautorin geworden - ein Beispiel für die oben genannte, faszinierende Lebensgeschichte. Und das mitten in unserem beschaulichen Burtscheid.

OV-Pressesprecher und stellvertretender Vorsitzender Benjamin Fadavian besuchte Ursula und führte das im Folgenden dokumentierte Gespräch.

OV: Ursula, Du wurdest 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone (ab 1949 DDR) geboren. Wie hast Du Deine Kindheit erlebt?

Sabrowski: Meine Kindheit war sehr überschaubar. Wir waren arm, aber das machte nichts. Alle waren arm und so fiel das nicht weiter auf. Mein Vater kam von der Ostfront nicht wieder - wurde 1951 für tot erklärt, bis dahin galt er als vermisst. Ich hatte dennoch eine unbeschwerte Kindheit, ein liebevolles Zuhause und Umfeld.

OV: 1956, Du warst 10 Jahre alt, wagte Deine Familie die Flucht aus der DDR. Warum seid ihr diesen Schritt gegangen?

Die DDR war ein Unrechts- und überwachungsstaat. Auf meine Mutter wurde politischer Druck ausgeübt: im Beruf mit ständigen sogenannten "politischen Schulungen", privat z. B. weil mein Bruder  nicht den Jungen Pionieren, der politischen Massenorganisation der Kinder unter FDJ-Leitung, beitreten wollte. Und das war nur ein Beispiel von vielen. In der Schule musste jeden Montag auf dem Schulhof zum Fahnenappell angetreten werden. Positiv zu bewerten ist, dass die guten Schüler grundsätzlich mit den schlechteren Schülern üben mussten, z.B. beim Lesen oder bei Diktaten. Nach dem 1953 brutal niedergeknüppelten Volksaufstand spitzte sich die Situation dann mehr und mehr zu...

OV: ...sodass der Entschluss feststand, aus der DDR zu flüchten.

Richtig. Wir hatten Verwandte in Weisweiler bei Aachen. Sie boten uns Hilfe und Zuflucht an. Meine Mutter arbeitete in der DDR im Gemeindebüro und weihte zwei Kolleginnen in ihre Fluchtpläne ein. Sie reiste zunächst allein mit Besuchsvisum in den Westen. Meine Großmutter brachte dann einige Monate später meinen 12-jährigen Bruder und mich (11 Jahre) mit Besuchsvisum zu unserer Mutter nach Westdeutschland. Dies war nur möglich gewesen, weil der Vorgesetzte meiner Mutter, wie auch mein Klassenlehrer, die durchaus ahnten, dass meine Großmutter uns Kinder nicht mehr zurückbringen würde, nach dem Gebot der Menschlichkeit und nicht nach ihren Bespitzelungs-Vorschriften handelten. Meine Großelternurften daraufhin dann allerdings nicht nach Erreichen ihres 65. Lebensjahrs, wie alle Rentner, offiziell in den Westen ausreisen, sondern flüchteten dann nur mit Handgepäck über das damals noch offene "Schlupfloch" Westberlin. Allgemein war für mich sichtbar, dass in der DDR kein wie auch immer geartetes Recht, sondern Willkür herrschte.

OV: Wie hat sich das Leben nach der Flucht nach Westdeutschland dann entwickelt?

Es war erst mal hart. Wir hatten ja alles zurücklassen müssen, persönliche Dinge, sämtliche Spielsachen, Fotos, das Klavier, die Geige und die Konzertflöten meines Vaters (er war Berufsmusiker gewesen), der sich - ebenfalls als Kriegswaise aus dem Ersten Weltkrieg und von einem kleinen Bauernhof stammend - sein Musikstudium und seine Instrumente regelrecht vom Munde abgespart hatte. Mit dieser Biografie wird man automatisch zum Pazifisten!

Meine Mutter hatte zwar in Westdeutschland ihre Witwenrente, hat aber hart gearbeitet, geputzt, gejobbt, um wieder das Nötigste an Möbeln und Hausrat usw. anzuschaffen. Dennoch konnte ich das Gymnasium besuchen, das damals noch Schulgeld verlangte. Ich gehörte zu den ärmsten der Klasse, was mir damals oft peinlich war. In meiner Familie und auch in der Verwandtschaft herrschte allerdings stets Zuversicht, Aufbruchsstimmung und ein gesunder Tatendrang. Als Kinder waren wir natürlich total beeindruckt von all den unglaublich vielen tollen, bunten Dingen, die es im Westen überall und jederzeit zu kaufen gab. Keine Lebensmittel auf Marken, kein Schlangestehen!

Ein besonderes Erlebnis in dieser Zeit im katholisch geprägten Aachener Umland war meine Schulleiterin, eine Nonne, die den Müttern der bedürftigen Halbwaisen in der Klasse ganz unverhofft 200,- DM zukommen ließ- einfach so. Das war für uns damals viel Geld und hat uns geholfen. Diese Schulleiterin habe ich während meines Au-Pair-Aufenthaltes in London noch mal treffen können. Das war ein schönes Erlebnis.

OV: Nach der Schulzeit entwickeltest Du Pläne, wolltest hinaus in die Welt. Als junge Frau eher ungewöhnlich zu dieser Zeit. Wie spielte es sich ab?

Nach der mittleren Reife auf dem Gymnasium in Eschweiler bin ich als Au-Pair-Mädchen nach England gegangen. In London habe ich dann eine Schweizer Freundin kennengelernt, und uns kam die übermütige Idee, auszuwandern. Zurück in Aachen habe ich jedoch erst mal die Höhere Handelsschule absolviert, bevor mir meine Freundin in der Schweiz einen Job besorgte. Dort habe ich ein Jahr gearbeitet, unsere Australien-Pläne haben wir dann konkretisiert und sind 1966 nach Australien geschippert. Ich war noch nicht 21, nach damaligem Recht noch nicht volljährig, deshalb musste meine Mutter die Erlaubnis zu meinem "Exodus" erteilen.

OV: Wie kommt man als nicht einmal 21-jähriges Mädchen im Jahre 1966 auf die Idee, auszuwandern? Und warum gerade Australien?

Meine Freundin und ich - wir hatten einfach Abenteuerlust. Vielleicht wollten wir uns auch nicht in die Erwartungen zwängen lassen, die damals in den 60-er Jahren an junge Frauen gestellt wurden, nämlich "möglichst gut verheiraten, Kinderkriegen, Beruf darf sein, solange er nicht den Hausfrauen- und Mütterpflichten in die Quere kommt".

Die Schiffspassage nach Australien kostete nur 180,- DM, wenn man sich verpflichtete, zwei Jahre dort zu bleiben. Dort lernte ich meinen Mann kennen - einen Deutschen. Wir hatten in Australien natürlich viel Kontakt zu anderen Deutschen, Schweizern und österreichern. Alle, die deutsch sprachen, vermittelten Heimatlich-Vertrautes. Unsere guten englischen Sprachkenntnisse waren freilich von größtemVorteil und die oberste Voraussetzung für einen Arbeitsplatz als Büroangestellte. Aber ich habe großes Verständnis, wenn Ausländer in Deutschland zunächst einmal ihre eigene Community aufsuchen. Das gibt Halt und Sicherheit in der Fremde.

Nach zwei Jahren bin ich dann wieder nach Deutschland zurückgekehrt, mein damaliger Freund und späterer Ehemann kehrte ein Jahr später auch nach Deutschland zurück.

OV: Nun bist Du in unserem Ortsverein und auch über die Publikationsorgane der SPD als Buchautorin bekannt. Wie kam es dazu?

Mein Hobby war schon immer das Schreiben. Durch meine Arbeit in der Sozialabteilung in einem Kinderkrankenhaus in Melbourne habe ich mich zum ersten Mal mit der Thematik, was kindgerechte Erziehung bedeutet, auseinandergesetzt und merkte, dass mein Wissen sehr bescheiden bis gar nicht vorhanden war. Durch meine eigenen Kinder habe ich mir dann später selbst weitere Erkenntnisse angelesen. Jahre später als Mitarbeiterin in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uniklinikums Aachen konnte ich dann noch eine Menge dazulernen. Kinder müssen sich geliebt und wertgeschätzt fühlen, damit sie ein gutes Selbstwertgefühl entwickeln können. Dann haben sie den Kopf frei zum Lernen und Neugierigsein. Kinder sollten nicht nur etwas lernen müssen, sondern etwas lernen wollen.

OV: "Neulandsucher" ist der Titel eines Buches von Dir für Erwachsene über das Auswandern. "Ferien bei König Örwinn" und "Firlefanz Wüterich" sind zwei Deiner Kinderbücher. Worum geht es in diesen beiden Büchern?

"Ferien bei König Örwinn" beschreibt u.a., wie Kinder Existenzängste entwickeln, wenn ihre Eltern arbeitslos werden. Die Verunsicherung der Eltern überträgt sich auf die Kinder. Mit meinem Buch "Firlefanz Wüterich und seine Freunde" wollte ich Kinder ermutigen, über ihre Gefühle zu sprechen, die guten wie die unangenehmen, sie nicht zu verdrängen, denn wir kennen ja alle  genug traurige Fälle, bei denen Gefühle wie Demütigung, Hass, Wut, Neid sich irgendwann mit Gewalt Gehör verschaffen. Firlefanz Wüterich beschreibt, wie ein Kind im Traum seinen Gefühlen begegnet. Es will seine Wut unterdrücken, weil es glaubt, sonst von den Eltern nicht geliebt zu werden. Weinen will es aber auch nicht: "Ich bin doch keine Heulsuse". Ich glaube, dass ganz zuerst im Elternhaus der Grundstein gelegt wird für das Gelingen (oder eben Nicht-Gelingen) eines Kinderlebens. Schule und Kindergarten können darauf aufbauen. Aber was nachhaltig im Elternhaus verbockt wird, kann ein Lehrer nur schwer wieder gerade biegen. Deshalb engagiere ich mich auch als Mitglied im Kinderschutzbund. Liebe, Zuneigung, Verständnis und nachvollziehbare Regeln sind ungemein wichtig für Kinder.

OV: Seit 1990 bist Du Mitglied der SPD. Warum bist Du in die SPD eingetreten?

Es war ein spontaner Entschluss. Ich dachte mir, "warum eigentlich nicht?". Ich habe mich schon immer für Willy Brandt und Egon Bahr begeistern können. Die haben damals das Transit-Abkommen vereinbart und die ersten Schritte zur Annäherung an den Osten und letztlich zur Wiedervereinigung unternommen. Für mich, die ich damals mit Familie in Berlin lebte, wie auch für alle Berliner,  war das damals ein riesengroßer Hoffnungsstreif am Polithimmel. Zudem waren die Visionen der SPD stets auch die meinen.

OV: 1990 markiert in der deutschen Geschichte ja ein ganz besonderes Jahr. Wieso wurdest Du gerade in dieser Zeit Mitglied der SPD?

Mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung begann für mich eine neue Zeitrechnung. Ich war 1990 bei der Wiedervereinigungsfeier am Abend des 2. Oktober in Berlin dabei, und diese Euphorie der Menschen hat uns alle mitgerissen. Der Freiheitswunsch der Menschen hatte gesiegt. Es war so klar geworden: Menschen können etwas bewegen und verändern!

OV: In der öffentlichkeit wurde und wird ja gerne so getan, als sei die Wiedervereinigung ein Verdienst der CDU. Die Wahlergebnisse für Helmut Kohl und die CDU im Jahre 1990 bestätigen diesen Eindruck,...

Kohl erntete - auf kluge und höchst anerkennenswerte Weise (es war sein politisches Meisterwerk, das muss der Neid ihm lassen) - was Brandt und Bahr Jahre zuvor mit der Annäherung an die DDR gesät hatten. Ohne die neue Ostpolitik, die von der CDU aufs Schärfste bekämpft wurde, aber auch ohne die mutigen Montagsdemonstranten in Leipzig, Berlin, Dresden usw. wäre es nicht zur Wiedervereinigung gekommen. Der Mauerfall war für mich persönlich eine historische Leistung, die ich vom Ursprung her der SPD zuschreibe. Eine Sternstunde.

OV: Wo wir gerade bei Parteipolitik sind. Immer wieder wird innerhalb und außerhalbder SPD über rot-rote Koalitionen diskutiert. Was hältst Du - gerade in Hinblick auf Deine Lebensgeschichte - davon?

Ich denke, man kann unter Umständen eine Zusammenarbeit probieren. Ich bin jedoch skeptisch, ob die Linkspartei so demokratisch ist, wie sie tut. Der Kommunismus spukt immer noch in einigen Köpfen herum, wie wir aktuell gesehen haben. Es ist normal, dass viele Menschen, die in der DDR Macht hatten, ihre Ansichten nicht aufgeben können. Es gibt einen klugen Spruch von Gotthold Ephraim Lessing: "Der Aberglaube, in dem wir aufgewachsen, verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum doch seine Macht nicht über uns." Wie gesagt: Ich wünsche mir keine rot-roten Koalitionen. Aber wenn es nicht anders geht, würde ich sagen, man muss einer jungen, pragmatischen Generation innerhalb der Linken zumindest eine Chance geben. Es wird sich dann schnell zeigen, wie flexibel sie sind.

OV: Was wünschst Du der SPD?

Ich wünsche der SPD, dass es ihr gelingt, viele junge Menschen zum Mitmachen und Mitmischen zu bewegen, dass es ihr gelingt, Nichtwähler zur Urne zu bringen, denn dann ständen wir gut da. Die Plakate müssten ansprechend sein, vor allem auch für junge Leute, witzig und humorvoll. Wir brauchen soziale Kompetenz, einen Mindestlohn. Wir müssen für unbefristete Arbeitsverhältnisse kämpfen, damit Menschen wieder Sicherheit bekommen und einen Kinderwunsch entwickeln können.

OV: Wie heißt der Bundeskanzler nach der Bundestagswahl 2013?

Frank-Walter Steinmeier

OV: Ursula, ich danke Dir für das Gespräch.

 

Ursula Sabrowski: Neulandsucher - Books on Demand, 2008
316 Seiten, 17,90 EUR, ISBN: 978-3-8334-8923-5

Ursula Sabrowski: Firlefanz Wüterich und seine Freunde - Books on Demand, 2010
48 Seiten, 3,90 EUR, ISBN 978-3-8391-8129-4